Ist es ein Team — oder doch eine Krankheit?

Der klei­ne Unter­schied — mit Diagnose-Tool!

In die­sem Bei­trag erfah­ren Sie, was wirk­lich einen Unter­schied macht. Sie erhal­ten zudem einen Dia­­gno­­se-Fra­­ge­­bo­­gen mit acht ent­schei­den­den Punkten.

Ein Team? Kein Team! In unse­rer Team­­en­t­­wick­­lungs-Aus­­­bil­­dung strei­ten sich die Teil­neh­me­rin­nen bis­wei­len um die Aus­le­gung des einen klei­nen Unter­schieds. Die Fra­ge „Team oder kein Team?“ ist des­halb so wich­tig, weil sie ers­tens die eige­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung betrifft. Hin­zu kom­men idea­le, ja roman­ti­sche Vor­stel­lun­gen.  Sie ist zwei­tens zen­tral, weil sich dar­an auch Über­le­gun­gen zur Team­ent­wick­lung anknüp­fen. Ist es kein Team, kann man es auch nicht coa­chen. Denn dann gibt es auch kei­ne ein­deu­ti­gen und gemein­sa­men Ziele.

Klar ist, dass das Team eine beson­de­re Form der klei­nen Grup­pe ist. Aber wel­che? Dazu müs­sen wir wis­sen, was die klei­ne Grup­pe aus­macht. Es ist die Tat­sa­che, dass die Mit­glie­der mit­ein­an­der koope­rie­ren. Die­se Koope­ra­ti­on unter­schei­det sich von einer losen Men­ge Men­schen. Sie unter­neh­men etwas zusam­men. Der Freun­des­kreis trifft sich zum Spie­le­abend. Bezie­hungs­in­ter­es­sen ste­hen im Vor­der­grund. Die Grup­pe in der Orga­ni­sa­ti­on stellt auch erst ein­mal die Koope­ra­ti­on nach vor­ne — nur, dass spie­len hier „mee­ten“ heißt oder viel­leicht auch: Team spielen.

Das Team braucht Koor­di­na­ti­on, nicht nur Kooperation

Denn das, was eine klei­ne Grup­pe von einem Team unter­schei­det, ist die Koor­di­na­ti­on rund um eine Auf­ga­be. Die­se Auf­ga­be ist klar umgrenzt und hat ein Ziel.

Bezie­hungs­in­ter­es­sen rücken in den Hin­ter­grund. An die­ser Stel­le gibt es vie­le Miss­ver­ständ­nis­se. Denn Team­ent­wick­lung wur­de vor allem auf die Her­stel­lung guter Bezie­hun­gen bezo­gen. Dies obliegt dem Team­buil­ding. Aber: Die Bereit­schaft zur Koope­ra­ti­on mün­det nicht auto­ma­tisch in eine frucht­ba­re Koor­di­na­ti­on. Koor­di­na­ti­on ist ein lau­fen­der Pro­zess, bei dem ver­schie­de­ne Akteu­re und Akti­vi­tä­ten orga­ni­siert und auf­ein­an­der abge­stimmt wer­den müs­sen. Team­ent­wick­lung liegt also ein Leis­tungs­an­spruch inne.

Der Zweck von Teams

Dafür müs­sen wir kurz aus­ho­len: Wozu brau­chen Orga­ni­sa­tio­nen über­haupt Teams, die sich um eine Auf­ga­be her­um orga­ni­sie­ren – also koordinieren?

Laut dem Team­for­scher James March (2008) herr­schen hier­bei zwei Grund­hal­tun­gen in heu­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen vor: Einer­seits geht es beim Team­work um das mög­lichst effi­zi­en­te Aus­beu­ten bestehen­der Rou­ti­nen. And­rer­seits gestal­ten Teams in ihrer Team­ar­beit einen Erkun­dungs­pro­zess nach neu­en, oft krea­ti­ven Lösun­gen. Sie wer­den also dort ein­ge­setzt, wo Stan­dard­lö­sun­gen nicht ausreichen.

Dia­gno­se: Team oder nur Gruppe?

Es geht also dar­um, das vor­han­de­ne Wis­sen aus­zu­schöp­fen und zu erwei­tern. Arbei­ten meh­re­re Per­so­nen mit ver­schie­de­nen Wis­sens­pro­fi­len zusam­men, kön­nen Teams auf eine brei­te­re Basis zurück­grei­fen. Teams tun das – und sie stel­len dabei die Auf­ga­be in den Vor­der­grund. Sie sind des­halb an Ver­hal­tens­wei­sen erkenn­bar, die einen kla­ren Auf­ga­ben­be­zug zei­gen. Ego­is­ti­sche Inter­es­sen kön­nen hin­ten­an­ge­stellt wer­den. Alle sind bereit, um gute Lösun­gen zu ringen.

Fra­ge­bo­gen Team

Dar­aus haben wir einen Fra­ge­bo­gen ent­wi­ckelt, der auf einer Ska­la von 0 bis 4 zu beant­wor­ten ist:

  1. Inwie­weit stel­len die Team­mit­glie­der eige­ne Ego­is­men zurück?
  2. Wie sach­be­zo­gen argu­men­tie­ren die Teammitglieder?
  3. Wie sehr kon­zen­trie­ren sich alle Team­mit­glie­der auf die best­mög­li­che Lösung/das Ergebnis?
  4. Die Team­mit­glie­der rin­gen stets um eine gute Lösung.
  5. Die Team­mit­glie­der sind auch unter hoher Arbeits­be­las­tung in der Lage, die Bezie­hun­gen hin­ter die Lösung zu stellen.
  6. Die Team­mit­glie­der for­dern von sich selbst jeden Tag best­mög­li­che Leistung.
  7. Die Team­mit­glie­der for­dern von jedem ande­ren im Team, dass er/sie seine/ihre best­mög­li­che Leis­tung erbringt.
  8. Die Team­mit­glie­der ler­nen gemein­sam aus Erfah­run­gen, um bes­ser zu werden.

Ganz schön anspruchs­voll? Ja, nach die­sem Sche­ma gehen weni­ge der Arbeits­grup­pen als Teams durch, die wir in unse­ren Kon­tex­ten sehen. Wir spre­chen dann von einem Pseu­do­team. Natür­lich gibt es ein Spek­trum. Und Krank­hei­ten. Da ist der „Social Loafing“-Effekt, der die sozia­le Mit­läu­fer­schaft bezeich­net.  In dem Fall wird min­des­tens Punkt 6–8 nicht erfüllt.

Der „Sucker-Effekt“ beschreibt man­geln­de Moti­va­ti­on. „Sucker“ ver­rin­gern ihre Leis­tung, um nicht der „Dum­me“ (Sucker) zu sein, der sich aus­nut­zen lässt, sei es von Team oder Organisation.

Dem Gegen­über ste­hen aber enor­me Chan­cen. In ech­ten Kran­ken­haus­teams ist etwa das Stress­le­vel signi­fi­kant nied­ri­ger als in Pseu­­do-Teams. Arbei­te­ten mehr als 40% der rele­van­ten Beleg­schaft in Teams, sank die Ster­be­ra­te der Pati­en­ten in der Akut­be­treu­ung deut­lich ab, so berech­net auf Basis des Sun­day Times Mor­ta­li­ty Index Dr. Foster.

Die Her­aus­for­de­rung für die Team­ent­wick­lung liegt also dar­in, den Punkt zu fin­den, an dem sie über­haupt grei­fen und wirk­sam sein kann. Unse­rer Erfah­rung liegt zudem ein Miss­ver­ständ­nis zugrun­de: Vie­le den­ken, es gehe um gutes Mit­ein­an­der. Doch die pri­va­te Ver­traut­heit steht nicht in Bezie­hung zu der Team­leis­tung. Die Bereit­schaft zur Koope­ra­ti­on braucht es den­noch: Wenn ich mei­nen Team­mit­glie­dern nicht ver­traue, dann wer­de ich mich auch nicht ein­brin­gen. Dabei ist es aber wich­tig, auch Ver­trau­en nicht miss­zu­ver­ste­hen. Es ist nach Niklas Luh­mann die Bereit­schaft, in ein Risi­ko zu gehen. Dazu muss ich nicht wis­sen, was mein Kol­le­ge pri­vat macht. Aber es darf sein. Zu hohes Team­ver­trau­en hat auch nega­ti­ve Effek­te, wie etwa die Abnah­me sozia­ler Kontrolle.

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Ver­wen­de­te Quel­len und wei­te­re Informationen:

  • Mar­tin F. Bie­hau­le: Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­se in der Team­ent­wick­lung Erfas­sen, Dar­stel­len und Ana­ly­sie­ren von Team­ent­wick­lungs­pro­zes­sen unter Zugrun­de­le­gung der Prä­mis­sen dyna­mi­scher, insta­bi­ler und nicht-line­a­­rer Sys­te­me, 2018, online
  • Johan­nes Kirch, Mat­thi­as Tom­e­n­end­al Working Paper No. 89 (2015): Team Diver­si­ty und Team­leis­tung im Kon­text von geteil­ter sozia­ler Iden­ti­tät, IMB Insti­tut of Manage­ment Ber­lin, online
  • March, James G. (2008): Explo­ra­ti­on and explo­ita­ti­on in orga­niza­tio­nal lear­ning. In: Fun­da­men­tals of busi­ness stra­tegy, S. 71–88
  • West, Micha­el A. (1996): Refle­xi­vi­ty and work group effec­ti­ve­ness. a con­cep­tu­al inte­gra­ti­on. In: Micha­el A. West (Hg.): Hand­book of work group psy­cho­lo­gy. New York: John Wiley.

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