Was wis­sen wir über wirk­sa­me Team­ent­wick­lung – und was nicht?

Evi­denz­ba­sier­te Teamentwicklung

Wir kön­nen vie­les aus dem Bauch machen. Auf unse­re Intui­ti­on hören. Aber nicht immer ist das sinn­voll. Team- und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­ler soll­ten wis­sen, was wir wis­sen — über das was wirkt. Und sich mit evi­denz­ba­sier­ter Team­ent­wick­lung auf aktu­el­le For­schung beru­fen. Die kann dem Bauch­ge­fühl mal kräf­tig zuwi­der­lau­fen und eige­ne Wert­vor­stel­lun­gen chal­len­gen. Aber soviel Pro­fes­sio­na­li­tät soll­te sein.

Evi­denz­ba­sier­tes Arbei­ten bedeu­tet, Ent­schei­dun­gen nicht allein auf Intui­ti­on, Erfah­rung oder popu­lä­re Model­le zu stüt­zen, son­dern auf der bes­ten ver­füg­ba­ren wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­la­ge. Es inte­griert exter­ne und inter­ne For­schung. Exter­ne For­schung ist idea­ler­wei­se unab­hän­gig und wis­sen­schaft­li­cher Qua­li­tät ver­pflich­tet. Zudem ist For­schung schon im Selbst­ver­ständ­nis „in pro­gress“. Inter­ne Daten stam­men aus dem Unter­neh­men – und auch sie soll­ten sich immer als vor­über­ge­hend verstehen.

Evi­denz ist mehr als „es hat funktioniert“

Gera­de im Bereich Team­ent­wick­lung wird Evi­denz oft mit „es hat bei uns funk­tio­niert“ ver­wech­selt. Das kann man mit dem Bei­spiel Coa­ching­for­schung erläu­tern: Hier soll­te es nicht nur einen Mess­zeit­punkt geben, son­dern zwei oder mehr. Wie schätzt die Kli­en­tin das Coa­ching direkt danach ein – und wie mit einem Jahr Abstand. Die Fra­ge ist auch, was über­haupt gemes­sen wird: Neben Zufrie­den­heit könn­te es auch um Ziel­er­rei­chung gehen oder eine erfolg­te Veränderung.

Der Unter­schied von evi­denz­ba­sier­ter Team­ent­wick­lung zur Team­ent­wick­lung nach gus­to liegt also immer auch in der sys­te­ma­ti­schen Über­prü­fung. Wei­ter­hin geht es um Repli­zier­bar­keit und dar­um, ob Aus­sa­gen gene­ra­li­sier­bar sind. Ist Stär­ken­ar­beit etwa immer sinnvoll?

Was für das Team gut ist, ist es nicht unbe­dingt auch für die  Organisation

Zugleich gilt bei der Evi­denz: Teams sind nicht iso­lier­te Ein­hei­ten, son­dern Teil eines über­ge­ord­ne­ten Sys­tems – der Orga­ni­sa­ti­on. Das lässt sich beim aktu­el­len Rück­bau von Agi­li­tät, New Work, Diver­si­tät und Kul­tur­in­itia­ti­ven sehr gut beob­ach­ten. Was die Men­schen bewegt hat, steht ihnen jetzt im Weg: Denn der Rück­bau erhöht den Frust. Dazu gibt es das aktu­el­le Distance-Mat­­ter-Para­­dox, das her­aus­ar­bei­tet, das gute Team­ar­beit dem orga­ni­sa­tio­na­len Nut­zen sogar zuwi­der lau­fen kann.

Im sys­te­mi­schen Sinn bestimmt das „höhe­re Sys­tem“ die Rich­tung und begrenzt den Mög­lich­keits­raum von Ver­än­de­rung. Eine Team­ent­wick­lung, die mög­li­che Wider­sprü­che igno­riert, bleibt oft fol­gen­los oder ist rück­bli­ckend sogar kontraproduktiv.

Was kön­nen wir wirk­lich wissen?

Schau­en wir nun auf das, was wir wis­sen — und was auch nicht.

Der Nut­zen von Teamtrainings

Zahl­rei­che Meta-Ana­­ly­­sen zei­gen, dass struk­tu­rier­te Team­trai­nings Leis­tung, Zusam­men­ar­beit und Rol­len­ver­ständ­nis ver­bes­sern kön­nen. McE­wan et al. (2017) berich­ten über mode­ra­te bis hohe Effekt­grö­ßen (d ≈ 0.38–0.52) für Maß­nah­men wie Ziel­klä­rung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Rol­len­klä­rung. Beson­ders wirk­sam sind Kom­bi­na­tio­nen die­ser Kom­po­nen­ten – vor­aus­ge­setzt, sie pas­sen zum jewei­li­gen Team­typ und Aufgabenfeld.

Kri­tisch betrach­tet zei­gen ande­re Ana­ly­sen wie die von Salas et al., dass vie­le Inter­ven­ti­ons­ele­men­te – etwa rei­ne Bezie­hungs­übun­gen oder spie­le­ri­sche For­ma­te – kei­ne oder sogar nega­ti­ve Effek­te haben. Nur Rol­len­klar­heit zeig­te kon­sis­tent posi­ti­ve Effek­te (r ≈ 0.76). Wir wis­sen also nicht, ob Spie­le wirk­lich etwas brin­gen, das über den Spaß hin­aus­geht. Über­ra­schend, dass sie so beliebt sind.

Die ver­brei­te­te Gleich­set­zung von „gute Stim­mung“ und nach­hal­ti­ger Team­ent­wick­lung ist daher nicht haltbar.

Retro­spek­ti­ven – unum­strit­ten wirk­sam, wenn sie gut sind

Struk­tu­rier­te Nach­be­spre­chun­gen nach Auf­ga­ben oder Pro­jek­ten sind eine der wirk­sams­ten Maß­nah­men. Tan­nen­baum & Cera­so­li (2013) fan­den eine hohe Effekt­stär­ke (g ≈ 0.79) für regel­mä­ßig durch­ge­führ­te, mode­rier­te Refle­xi­ons­for­ma­te. Beson­ders in sicher­heits­kri­ti­schen Berei­chen wie Medi­zin oder Luft­fahrt sind sie Stan­dard gewor­den. Gegen­po­si­tio­nen war­nen vor Ver­all­ge­mei­ne­rung. Sie beto­nen, dass vie­le die­ser Stu­di­en in spe­zi­el­len Kon­tex­ten durch­ge­führt wur­den. In klas­si­schen Wis­­sens- oder Pro­jekt­teams feh­len oft ver­gleich­bar vali­de Daten.  Und: Die Qua­li­tät der Durch­füh­rung einer Retro­spek­ti­ve ist schwer objektivierbar.

Zudem exis­tiert ein Publi­ka­ti­ons­bi­as: Erfolg­rei­che Stu­di­en wer­den eher ver­öf­fent­licht als sol­che mit null oder nega­ti­ven Effek­ten. Das sieht man etwa am Kon­zept der psy­cho­lo­gi­schen Sicher­heit: Das Kon­zept ist durch Amy Edmond­son bekannt gewor­den und wird als Grund­la­ge für ler­nen­de, offe­ne Teams verstanden.

Eine Meta-Ana­­ly­­se von Fra­zier et al. (2017) zeigt Zusam­men­hän­ge mit Ler­nen (r ≈ 0.41), Enga­ge­ment (r ≈ 0.39) und Leis­tung (r ≈ 0.22). Wenn sich Team­mit­glie­der sicher füh­len, Kri­tik zu äußern, ver­bes­sert das die Refle­xi­ons­fä­hig­keit. Wie gesagt fin­den die­se Mes­sun­gen aber typi­scher­wei­se in bestimm­ten Bran­chen statt und es stellt sich die Fra­ge der Übertragbarkeit.

Diver­si­tät: Bit­te nicht zuviel

Unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven för­dern Krea­ti­vi­tät. Hüls­he­ger et al. (2009) fan­den einen Zusam­men­hang zwi­schen kogni­ti­ver Viel­falt und Inno­va­ti­on (r ≈ 0.34). Beson­ders bei kom­ple­xen Auf­ga­ben pro­fi­tie­ren Teams von funk­tio­na­ler Diver­si­tät, wenn eine gemein­sa­me Ziel­ori­en­tie­rung vor­han­den ist; Kri­ti­sche Per­spek­ti­ven zei­gen jedoch: Viel­falt erhöht auch das Kon­flik­t­ri­si­ko. Stu­di­en von Ver­w­ijs & Rus­so (2023) bele­gen, dass in diver­sen Teams mit gerin­ger psy­cho­lo­gi­scher Sicher­heit die Team­leis­tung lei­det. Sub­grup­pen­bil­dung, soge­nann­te Fault­li­nes, kön­nen Kohä­si­on ver­hin­dern und das Kon­flikt­ni­veau erhöhen.

Shared Lea­der­ship: aber nur mit Vertrauen

Ver­teil­te Füh­rung gilt in agi­len und selbst­or­ga­ni­sier­ten Teams als Erfolgs­fak­tor. D’Innocenzo et al. (2016) berich­ten über signi­fi­kan­te Zusam­men­hän­ge mit Team­leis­tung (r ≈ 0.34) und Com­mit­ment (r ≈ 0.44). Wenn alle Team­mit­glie­der Ver­ant­wor­tung über­neh­men, steigt oft die kol­lek­ti­ve Wirksamkeit;

In der Pra­xis aber zeigt sich: Shared Lea­der­ship funk­tio­niert nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen. Ver­trau­en, Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und kla­re Ent­schei­dungs­pro­zes­se sind Vor­aus­set­zun­gen. Ohne die­se ent­ste­hen infor­mel­le Macht­struk­tu­ren, in denen der lau­tes­te oder erfah­rens­te de fac­to die Füh­rung über­nimmt – und die ange­streb­te Ver­tei­lung bleibt Illusion.

Remo­te Team­ent­wick­lung; kann sinn­voll und sinn­los sein

Die Digi­ta­li­sie­rung hat remo­te arbei­ten­de Teams zur Nor­ma­li­tät gemacht. Doch mit räum­li­cher Distanz stei­gen die Anfor­de­run­gen an Kom­mu­ni­ka­ti­on und Abstim­mung. Olson & Olson for­mu­lier­ten in ihrer klas­si­schen Stu­die aus 2000 das Distance Mat­ters Para­dox: Je mehr Koor­di­na­ti­on nötig, des­to weni­ger geschieht spon­tan. Gil­son et al. (2015) fan­den nega­ti­ve Effek­te auf Team­leis­tung in vir­tu­el­len Teams ohne struk­tu­rel­le Gegenmaßnahmen.

Nun gibt es eine aktu­ell Stu­die, die hier anknüpft und ein wei­te­res Pro­blem auf­zeigt: Hu et al. (2022) zei­gen, dass Teams, die intern sehr effi­zi­ent zusam­men­ar­bei­ten, extern – in der Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Teams – mas­si­ve Leis­tungs­ein­bu­ßen zei­gen. Effek­ti­vi­tät nach innen kann zur Abschot­tung nach außen füh­ren, was beson­ders in matrix­ar­tig auf­ge­bau­ten Orga­ni­sa­tio­nen pro­ble­ma­tisch ist;

Kurz­um: Was im Team mög­lich oder nicht mög­lich ist, hängt stark vom grö­ße­ren Sys­tem ab. Dies aber wird oft nicht unter­sucht. Ohne Ein­bet­tung in die Orga­ni­sa­ti­on ver­puf­fen vie­le Ent­wick­lungs­maß­nah­men. Das aktu­el­le Distance-Mat­­ters-Para­­dox-Stu­­die ist unter „Stu­die“ noch mal kon­kre­ter dargestellt.

Quel­len:

McE­wan, D. et al. (2017). Team­work trai­ning inter­ven­ti­ons in orga­niza­ti­ons: A meta-analysis;
Tan­nen­baum, S. I. & Cera­so­li, C. P. (2013). The impact of team debriefs on per­for­mance: A meta-analysis;
Fra­zier, M. L. et al. (2017). Psy­cho­lo­gi­cal safe­ty: A meta-ana­­ly­­tic review;
Hüls­he­ger, U. R. et al. (2009). Team-level pre­dic­tors of inno­va­ti­on at work: A meta-analysis;
D’Innocenzo, L. et al. (2016). Shared lea­der­ship and team per­for­mance: A meta-analysis;
Ver­w­ijs, C. & Rus­so, D. (2023). The Role of Psy­cho­lo­gi­cal Safe­ty in Team Diver­si­ty Outcomes;
Olson, G. M. & Olson, J. S. (2000). Distance Matters;
Gil­son, L. L. et al. (2015). Vir­tu­al teams rese­arch: 10 years, 10 the­mes, and 10 opportunities;
Hu, M. et al. (2022). Dark Sides of Col­la­bo­ra­ti­on: When Effec­ti­ve Intra-Team Com­mu­ni­ca­ti­on Hurts Inter-Team Collaboration;

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