Agile Unternehmen: Nur was sich bewegt, kann sich verbessern

Buchrezension von Svenja Hofert

Agile Unternehmen sind beweglich. Sie schwingen mit den Märkten und agieren schnell und flexibel auf Veränderungen. Sie haben immer ein neues Produkt in der Tasche und begnügen sich nicht mit einer Fortschreibung des Alten. Wie das gelingen kann, beschreibt Valentin Nowotny in seinem neuen Buch „Agile Unternehmen“ – aus neuer und ungewöhnlicher Perspektive.

Gestern hat Apple schlechte Zahlen verkündet. Hat es zu spät auf den Markt reagiert? Unterliegt es einem ähnlichen Selbstüberschätzungs-Bias wie dazumal Nokia? Stünde Apple besser da, wenn es (noch) agiler aufgestellt wäre? Unter Steve Jobs war Apple agile wie uns das Buch „Inside Apple“ verrät. Er war der oberste Product Owner, entließ tausende mittlere Manager zum Bürokratieabbau und konzentrierte sich konsequent auf Stärken.

Agile Unternehmen sind beweglich. Sie schwingen mit den Märkten und agieren schnell und flexibel auf Veränderungen. Sie haben immer ein neues Produkt in der Tasche und begnügen sich nicht mit einer Fortschreibung des Alten. Klar, dass das schwer geht, wenn ein Unternehmen bürokratisch organisiert ist und auf Neues und Marktveränderungen nur schwerfällig reagiert….

Doch wie funktioniert agiles Management?

Was sind die Prinzipien und was gilt es zu beachten? Wie gestaltet man den Umbau? Valentin Nowotny hat dazu eine leicht verständliche und systematisch strukturierte Einführung geschrieben. Dabei steuert er (s)einen psychologischen Blickwinkel bei und weist in jedem Kapitel auf Denk- und Psychofallen hin.

Dieser Blickwinkel ist neu: Vertreter agiler Prinzipien besitzen typischerweise keinen psychologischen Hintergrund, haben aber meist früher oder später systemtheoretische Ansätze für sich entdeckt. Dies führt teils zu einer fast sklavischen Ausrichtung an systemischen Prinzipien. Dazu gehört beispielsweise der Glaube, dass eine Umfeldänderung ausreiche, um Menschen zu mehr Verantwortungsübernahme zu bewegen. Das ist naiv.

Aspekte wie Social Loafing oder auch Gruppendenken spielen in den bisherigen Büchern zur Agilität kaum eine Rolle. Dabei könnte der Blick auf Biasse ebenso wie eine psychologisch-humanistische Sicht eine Menge beisteuern, denn natürlich ist nie das eine oder andere richtig, sondern gilt es unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen und zu vereinbaren. Eine Entweder (Agil)-Oder-(Nicht-Agil) Mentalität passt nicht zu einer zunehmend komplexeren Arbeitswelt, wird aber dennoch von vielen Expertenals ultimo ratio vertreten.

Radikal-Experimente sind ein Risiko

Wie risikoreich einer solchen Haltung entspringende agile Radikal-Experimente sind, zeigt das Beispiel Zappos. Das Vorzeigeunternehmen, das die Holakratie einführte, hat sich durch diesen organisationalen Umbau ins Aus manövriert. Die Umsatzzahlen gingen in den Keller, Führungskräfte und Mitarbeiter verließen das Unternehmen massenhaft. Während die New-Work-Szene gern die waghalsigen Experimente feiert und gern zitiert, wird solches Scheitern oft nicht weiter thematisiert. Auch dass es kaum Forschungsbelege für die Wirksamkeit agilen Managements gibt, wird gern übersehen.

Agilität braucht viel mehr interdisziplinäre Auseinandersetzung. Insofern ist Nowotnys Ratgeber empfehlenswert für Einsteiger in das Thema sowie für alle, die sich bisher vor allem aus anderen Perspektiven mit Agilität beschäftigt haben. Neben diesem Aspekt gefällt mir die einfache Sprache, der klare Fokus auf Praxis und die konsequente Struktur. Das Buch ist zudem weder kritisch noch radikal. Ersteres ist eine Frage des Genres (Ratgeber), letzteres eine der Haltung.

Hier möchte ich auf den Managementvordenker Gary Hamel Bezug nehmen, der diesen Monat (8/2016) im Harvard Business Manager schreibt:

„Bürokratie entstand vor 150 Jahren nicht als fertiges Konstrukt. Sie entwickelte sich langsam durch hartnäckige Experimente. Und so werden sich auch moderne Unternehmen auf ihrem Weg in eine postbürokratische Zukunft vorantasten. Revolutionäre Ziele, evolutionäre Schritte – das ist das Erfolgsrezept.“

Etwas Ähnliches habe ich in meinem im August erscheinenden Buch „Agiler führen“ formuliert, das sich im Unterschied Nowotnys Werk als Fachbuch versteht, den Aspekt der Personalführung fokussiert und dialektischer und theoretischer verfasst ist.

Der Untertitel von Nowotnys Buch ist auch vor diesem Hintergrund sehr treffend: Nur was sich bewegt, kann sich verändern.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*