Faustregeln im Kopf: Diese 5 Heuristiken sollten Teamleiter und Teamentwickler kennen

Vorsicht, Abkürzung des Denkens!

 

Unser Gehirn nimmt dauernd Abkürzungen. Faustregeln, so genannte Heuristiken, erleichtern uns Urteile, für deren „Berechnung“ unser Arbeitsspeicher im Gehirn sonst Tage brauchen würde. Meist sind diese Heuristiken nützlich. Doch oft begünstigen sie schnelles Denken und falsche Urteile – sowohl bei Einzelpersonen als auch in Teams. Wir stellen die 5 wichtigsten Heuristiken vor und verraten, was Sie persönlich oder als Team dagegen unternehmen können. Alle Heuristiken bekommen von uns einen Störfaktor von 1-10. Je höher, desto mehr sollten Sie diese Heuristik „einfangen“. Dazu auch einige teambezogene Tipps.

Confirmation Bias, auch Selbstbestätigungstendenz: Wir haben immer Recht!

Wir suchen uns immer die Bestätigung für unsere Meinung – und nicht etwa den Gegenbeweis. Deshalb ziehen wir die Studie oder den Beleg heran, der gerade passt und uns beweist, dass wir richtig liegen. Der Confirmation Bias ist bei Einzelpersonen genauso wirksam wie bei Gruppen. Schön zu beobachten in Unternehmen, in denen eine Abteilung nach agilen (Scrum, Kanban) und eine andere nach klassischen Projektmanagement-Methoden arbeitet. Beide sind überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein – und werden das begründen können. Liegt keine passende Studie vor, zitiert man eben die eigene Erfahrung. Störfaktor für die Teamarbeit und Teamentwicklung: 10. Gegenmittel: Kenntnis der Selbstbestätigungstendenz und bewusste Suche nach Gegenbeweisen für den eigenen Standpunkt oder den kollektiven Standpunkt des Teams.

Halo-Effekt: Wir bevorzugen Strahle-Leute

Menschen, die ein gutes Auftreten haben, überstrahlen andere. Sie werden als intelligenter und kompetenter eingeschätzt. Das gute Auftreten hat auch mit dem Aussehen zu tun haben. Körpergröße spielt ebenso eine Rolle. Auch ganze Teams können strahlen. Stellen sie sich nur eine besonders auffällige Gruppe vor, die bei der Geschäftsführung aufgrund ihrer eindrucksvollen Präsentationen einen Stein im Brett hat. Möglich, dass hinter dem schönen Schein sich aber wenig Sein verbirgt. Wirkung im Team: Gerade am Anfang schreibt man Halo-Menschen viele positive Eigenschaften zu. Kann sein, dass diese sich bald in Luft auflösen. Störfaktor für Teamarbeit und Teamentwicklung: 4. Gegenmittel: Intensives Kennenlernen, sich nicht vom Schein blenden lassen.

Rekognitionsheuristik: Wir halten das Unbekannte für unbedeutsam

Wir verschätzen uns oft zugunsten des Bekannten, wenn wir nur eine Information besitzen. Wenn Sie eine gutaussehende Frau im Team haben (Information 1 = gutaussehende Frau), welches Freizeitinteresse schreiben Sie ihr zu? Mode und Kosmetik oder digitale Forensik? (Information 2 und 3). Wahrscheinlich NICHT digitale Forensik. Denn erstens ist es eine Frau, zweitens ist sie gutaussehend, und drittens weiß sowieso kaum jemand, was digitale Forensik ist – die Thematik ist unbekannt. Diese Heuristik kann dramatische Fehleinschätzungen zu Folge haben, die die Basis für weitere Fehlentscheidungen sein können. Wenn Sie nicht wissen, dass die gutaussehende Dame in Ihrem Team sich für digitale Forensik interessiert, werden Sie ihr die Information über den wichtigen Termin nicht zukommen lassen, sie nicht für die Projektgruppe vorschlagen und ihr Wissen auch nicht im Team nutzen können. Wirkung im Team: Wichtige Informationen bleiben unbemerkt, es bilden sich falsche Vorstellungen und Stereotype. Störfaktor für die Teamarbeit und Teamentwicklung: 8. Gegenmittel: Bewusstmachen dieser Heuristik, in einem Teamtraining zum Beispiel überraschende Einblicke ermöglichen, Wissen vertiefen.

Tendenz zur Mitte (positiver und negativer Retrospektionseffekt): Bei uns wird alles Mittelmaß

Wir war das Training, das Coaching, die Teamentwicklungsmaßnahme? Mit etwas Abstand wird etwas Schlechtes meist besser und etwas Gutes schlechter. Diese Tendenz zur Mitte haben auch Teams, wenn sie etwas rückblickend bewerten. Die Tendenz zur Mitte betrifft auch Ideen und ganz allgemein Leistungen von Kollegen. „Das war ja gar nichts.“ Oder: „So doll war das auch wieder nicht“ – solche Aussagen kennen Sie bestimmt, Laien nennen das „relativieren“. Die Tendenz zur Mitte macht sich auch unmittelbar dann bemerkbar, wenn ein Teamleiter seine Teammitglieder bewertet. Es kann sein, dass die Guten weniger gut und die schlechten weniger schlecht wegkommen… Störfaktor für die Teamarbeit und Teamentwicklung: 5. Gegenmittel: Bewusstmachen dieser Heuristik, Beurteilertrainings, in denen der Blick geschärft wird.

Verfügbarkeitsheuristik: Wir bevorzugen Vertrautes und meiden Neues

Wir bevorzugen das, was wir kennen oder genaugenommen: glauben zu kennen, weil wir davon gehört haben. Es erzeugt ein Gefühl von Vertrautheit. Diese Heuristik wirkt sich regelmäßig negativ auf die Vielfalt bei der Berufswahl aus. Menschen entscheiden sich für bekannte Berufe. Wenn uns im Team etwas bekannt vorkommt, so werden wir eher zuhören, eher ja sagen, eher etwas einkaufen. Wenn uns dieser Test mit Blau-Rot-Geld-Grün bekannt vorkommt, so werden wir die Argumente gegen seinen Einsatz öfter zugunsten des „ist ja bekannt“ ignorieren. Wenn uns jemand vorschlägt, diesen oder jenen Weg zu gehen, so wird der vertraute uns angenehmer sein. Hier mal ein Beispiel in eigener Sache: Wenn wir Svenja und Thorsten kennen, und sei es nur aus den Social Media (folge uns auf Twitter und Facebook), werden wir eher an ihrer Ausbildung teilnehmen. Wenn wir Svenja und Thorsten nicht kennen, dann werden wir uns möglicherweise lieber auf Ausbilder verlassen, die 10 Jahre am Markt sind… Es sei denn, wir wissen jetzt, warum wir so denken.

Störfaktor für effektive Teamarbeit und Teamentwicklung (und auch Entscheidungen): 10. Gegenmittel: Sich Unbekanntes genauer ansehen, Entscheidungen auch mit Blick auf diese (und andere) Heuristiken fundierter treffen, ein Teammitglied bestimmen, das bei Entscheidungen auf Heuristiken achtet.

Zusammenfassend könnte man sagen: Es gibt keine Abkürzungen zum Erfolg (auch keinen Fahrstuhl), sowohl als Einzelperson als auch als Team gilt: Gehe Schritt für Schritt – und denke langsam.

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