Kulturwandel von unten

Wo und wie die Gras­wur­zel keimt

Damit etwas auf­ge­hen kann, braucht es frucht­ba­ren Boden. Gras­wur­zel­be­we­gun­gen säen in Orga­ni­sa­tio­nen klei­ne oder grö­ße­re Kul­tur­ver­än­de­run­gen. Was geschieht da in den Unter­neh­men und wie lässt sich die „grass root“ nutzen?

Der Gro­ße beugt sich dann zum “Klei­nen”, wenn er wirk­lich etwas zu bie­ten hat. Aber wann ist das so? Wenn ein ech­ter Mehr­wert für die Kul­tur ent­steht, der zudem den sys­te­ma­ti­schen Erhalt begünstigt.

Die Kul­tur einer Orga­ni­sa­ti­on lässt sich am bes­ten von außen beschrei­ben. Denn wer in ihr lebt, merkt kaum noch, was sie aus­macht. Man spürt sie ein­fach, sie ist unbe­wusst – Edgar H. Schein spricht hier vom kol­lek­ti­ven Unbe­wuss­ten. Des­halb ist sie auch so schwer zu fas­sen. Wir kön­nen sie beein­flus­sen, aber nicht geplant ver­än­dern. Die Kul­tur wan­delt sich von allein – durch die Men­schen, die Din­ge in gewohn­ter Wei­se tun oder Mus­ter brechen.

Unterschiedlicher Boden

Gras­wur­zel­be­we­gun­gen wach­sen wie das Gras, also von unten. Die Her­kunft des Begriffs ist nicht ganz klar — asso­zi­iert ist die „grass root“ mit der Initia­ti­ve „ein­fa­cher“ Men­schen ohne oder in unte­rer Füh­rungs­per­son und basis­de­mo­kra­ti­schen Gedan­ken. Die Gras­wur­zel kann auf unter­schied­li­chem Moti­va­ti­ons­bo­den wach­sen. Immer jedoch geht es dar­um, ein kul­tu­rel­les Gegen­ge­wicht zu einem kul­tu­rel­len Schwer­ge­wicht zu eta­blie­ren, indem sich Mit­ar­bei­te­rin­nen mit dem Fokus auf ein The­ma verbünden.

In grö­ße­ren Unter­neh­men scheint oft wenig Bewe­gung, die Kul­tur schraubt sich fest. Es liegt eigent­lich immer etwas im Argen, und das Manage­ment ist stets weit ent­fernt. „The Ice­berg of Igno­cran­ce“, nach­dem sich Mana­ger nur über 4% der Pro­ble­me bewusst sind, ver­deut­licht das – auch wenn für die­se Zahl Bele­ge feh­len. Der Eis­berg stammt übri­gens nicht von Frank Zijl­s­tra stammt, wie im emp­feh­lens­wer­ten Buch „Gras­wur­zel­in­itia­ti­ven“ von Sabi­ne und Alex­an­der Klu­ge beschrie­ben, son­dern geht mei­ner Recher­che nach auf Sid­ney Yoshi­da zurück.

Besser harmlose Themen wie „Lernen“

Je grö­ßer ein Unter­neh­men, des­to mehr Regeln, des­to mehr ver­schlos­se­ne Wege, des­to mehr Bal­last, des­to mehr… auch Fehl­ent­wick­lun­gen wie nicht nur der Die­­sel-Skan­­dal zeigt.

Gras­wur­zel­be­we­gun­gen sind manch­mal nah am Whist­leb­lowing und das macht das Enga­ge­ment in ihnen mit­un­ter gefähr­lich. Ein Bei­spiel ist Kars­ten von Bruch, der bei Bosch die Online-Com­­mu­­ni­­ty Zukunfts­Schwär­mer grün­de­te und irgend­wann vorm Arbeits­ge­richt lan­de­te. Die Geschich­te ist hiernach­zu­le­sen.

Querdenken wird oft nicht als solches erkannt

Ob „Quer­den­ker“ wirk­lich so beliebt sind, wie es der neue Titel des Buches von Anne Schül­ler glau­ben lässt? Ich habe Zwei­fel, denn oft ent­wi­ckelt sich nicht nur die gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­ons­kul­tur anhand der übli­chen Pole „dafür“ oder „dage­gen“.  Quer­den­ken wird gar nicht als sol­ches erkannt. Nicht nur in der Wis­sen­schaft ist es das Leid der Anders­den­ken­den, das am Anfang alle gegen sie sind. Ich glau­be nicht, dass sich das ändern wird. Aber etwas auf­wei­chen – damit wäre schon viel erreicht. Und Gras­wur­zeln wei­chen auf.

Den­noch wer­den ver­mut­lich nur jene Initia­ti­ven dau­er­haf­ten Erfolg haben, die dem Manage­ment nicht in die aus sei­ner Sicht und die eige­ne Exis­tenz sichern­den Ent­schei­dun­gen grät­schen. Aber auch ein vor­über­ge­hen­der Erfolg ist einer. Wer ein­mal das „Ande­re“ gespürt und dar­an Geschmack gefun­den hat, wird nicht mehr so ein­fach zum Bis­he­ri­gen zurückkommen.

Den­noch wun­dert es mich nicht, dass die vom „Klu­­ge-Duo“ vor­ge­stell­ten Erfolgs­bei­spie­le mit ver­gleichs­wei­se harm­lo­sen The­men wie „Ler­nen“ zu tun haben. Zwar hat­te die „WirSindAudi“-Vernetzungsinitiative von Alfred Weck und Gre­gor Sczez­po­nik (www.weare.audi) auch den Die­sels­kan­del im Blick, jedoch scheint mit deren Moti­va­ti­on etwas zah­mer gewe­sen zu sein.

Vertikutiert oder dem Boden gleichgemacht?

Gras­wur­zel­in­itia­ti­ven ergeht es so wie auch ande­ren Initia­ti­ven, etwa Think Tanks und Aus­grün­dun­gen. Man­che wer­den ver­ti­ku­tiert, aber vie­le dem Boden gleich­ge­macht. Man­che ver­än­dern sogar den Cha­rak­ter des Gar­tens… ein wenig.

„Cul­tu­re eats stra­te­gy for bre­ak­fast“, der berühm­te Peter Dru­cker zuge­schrie­be­ne Satz, besagt eben auch, dass die vor­han­de­ne Kul­tur stär­ker ist als das, was da neu entsteht.

Lässt sich eine Gras­wur­zel ins Unter­neh­men inte­grie­ren, lässt sie sich also kul­ti­vie­ren? Wir sind der Mei­nung: Alles, was man wach­sen lässt, ist auch Teil der Kultur.

Wie im heimischen Garten

Das lässt sich durch­aus mit dem hei­mi­schen Gar­ten ver­glei­chen. Begrü­ße ich den Wild­wuchs oder rup­fe ich das Unkraut? Lege ich sogar einen Wild­kräu­ter­kar­ten an, den ich stolz mei­nen Besu­chern zei­ge? Hat mein Gar­ten Zäu­ne oder ist er offen und man kann reinspazieren?

Es scheint es leich­ter, etwas Neu­es in beweg­te und schon immer viel­fäl­ti­ge Kul­tu­ren zu imple­men­tie­ren. Und in Ber­lin fällt der schrä­ge neue Laden weni­ger auf als in Klein­wall­stadt. Nicht zuletzt hängt es an den Gar­ten­be­woh­nern: Wenn der neue Deu­t­­sche-Mes­­se-Vor­­­stand selbst in einem Working-Out-Loud-Cir­cle mit­macht ent­steht frag­los mehr Weite…

Kul­tur ver­än­dert sich, wenn Men­schen viel erle­ben, die Viel­falt der Welt erken­nen und in ihre Welt bringen.

Und hier kommt einer der für mich zen­trals­ten Punk­te ins Spiel: Gras­wur­zel­be­we­gun­gen sind die Spiel­wie­sen gro­ßer Unter­neh­men. Es macht sie viel­sei­ti­ger, bun­ter und beleb­ter. Auf ihnen wach­sen Ideen – und auch Men­schen, die sich mit ihnen ver­bün­den. Sie die­nen somit auch der Wei­ter­ent­wick­lung der Kultur.

„First Dan­cer“ nennt man jene, die als ers­tes auf die Tanz­flä­che gehen und dann fol­gen die ande­ren, schön zu sehen in die­sem Video. Ja, man muss bereit sein, sich lächer­lich zu machen, gegen den Strom zu schwim­men irgend­et­was anders tun als bis­her. Wer ein­mal rich­ti­gen Gegen­wind bekom­men hat, weiß wie schwie­rig das ist. Das hal­ten die net­ten Har­mo­nie­cha­rak­te­re kaum auf.

Und so braucht es, mei­ner Mei­nung nach, hier zwei­er­lei: Ein rich­tig star­kes Wem (Bewusst­seins­ein­heit), eine Per­sön­lich­keit, die die­ses glaub­wür­dig ver­kör­pert und anschlie­ßend Ver­tei­lung der Verantwortung.

Dinge, die Sie von Graswurzelbewegungen für die Psychologie der Veränderung lernen können

  1. Gras­wur­zeln zei­gen auf Sym­pto­me von Krank­hei­ten. Auch Unter­neh­men haben „Krank­hei­ten“ wie Über­ge­wicht (im über­tra­ge­nen Sinn). Dann ist da etwas zuviel, es wird zu wenig aus­ge­wo­gen geges­sen. Die Fra­ge ist also: Wo ist das Übergewicht?
  2. Gras­wur­zeln bie­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen Iden­ti­fi­ka­ti­on gera­de auch da, wo die­se auf­grund von öffent­li­chem Druck schwie­rig ist — sie­he Die­sel­skan­dal. Das macht sie auch zum Instru­ment im Employ­er Bran­ding. „Ja, bei uns gibt es Com­mu­nities. Da kannst du Din­ge tun, die offi­zi­ell nicht mög­lich sind.“
  3. Gras­wur­zeln bie­ten Anre­gung und Inspi­ra­ti­on für neue Hand­lun­gen auch in der Brei­te. Wo das fir­men­ei­ge­ne Aka­de­mie­pro­gramm zum Laden­hü­ter wird, erfreu­en sich selbst­or­ga­ni­sier­te Working-out-Loud-Zir­­kel gro­ßer Beliebt­heit. Wer als Per­so­na­ler also über die Lern­faul­heit der Mit­ar­bei­te­rin­nen ver­zwei­felt, sät mal eine Idee…
  4. Gras­wur­zeln bin­den Mit­ar­bei­te­rin­nen, die im Home Office immer mehr den Draht zur Fir­ma ver­lie­ren. Denn zu ver­mu­ten ist dass die Mit­ar­bei­ter­bin­dung durch Home Office sinkt – Gras­wur­zel­in­itia­ti­ven könn­ten da auch für Zusam­men­halt sor­gen. Sie sind somit auch ein Instru­ment inter­ner Kommunikation.
  5. Gras­wur­zeln bie­ten den Mit­ar­bei­te­rin­nen Mög­lich­kei­ten Kom­pe­ten­zen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, die gera­de in den hoch­spe­zia­li­sier­ten gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen häu­fig brach­lie­gen. Sie för­dern eine Dis­­kus­­si­ons- und Streit­kul­tur in Umfel­dern, die oft viel stär­ker durch künst­li­che Har­mo­nie gekenn­zeich­net sind als in klei­ne­ren Unternehmen.

Zum The­ma emp­feh­le ich „Gras­wur­zel­in­itia­ti­ven im Unter­neh­men – Ohne Auf­trag mit Erfolg“ von Sabi­ne und Alex­an­der Klu­ge, erschie­nen bei Vah­len. Beson­ders gefal­len hat mir, dass das Buch vie­le Bei­spie­le zusam­men­fasst und eini­ge Bli­cke hin­ter die Kulis­sen erlaubt. Lesens­wert sind auch die Inter­views der Protagonisten.

Dan­ke Pixabay für die­ses tol­le Foto!

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One Comment 

  1. Kars­ten vom Bruch 2. Sep­tem­ber 2020 at 10:28 — Reply

    Vie­len Dank für die gute Beschrei­bung und die Emp­feh­lung die­ses wirk­lich lesens­wer­ten Buchs.
    Und natür­lich auch für die freund­li­che, per­sön­li­che Erwäh­nung mei­ner Person.
    Gemein­sam gibt es kei­nen Grund die Hoff­nung auf posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen auf­zu­ge­ben, selbst dann nicht, wenn es auf dem Weg mal sehr holp­rig wird. Denn selbst da hat zumin­dest mei­ne Gemein­schaft wei­ter­hin ganz bewun­derns­wert funktioniert!

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