Soll­te man im Unter­neh­men über Gefüh­le sprechen?

Über das Zusam­men­spiel von Orga­ni­sa­ti­on und Emotion

Vie­le Team­ge­stal­ter und Team­ge­stal­te­rin­nen fra­gen sich, ob und wann es sinn­voll ist, das The­ma „Emo­tio­nen“ in die Orga­ni­sa­ti­on ein­zu­brin­gen. Die Ant­wort ist: Es hängt davon ob. Wovon genau, wol­len wir in die­sem Bei­trag erkunden.

Zunächst ein­mal ist es wich­tig, sich eine Sache bewusst zu machen: Die Orga­ni­sa­ti­on denkt und fühlt nicht. Was an Emo­ti­on in und um Unter­neh­men, Behör­den oder ande­re orga­ni­sa­tio­na­le Ein­hei­ten ent­steht, ist Pro­dukt der Menschen.

Es kann für die Füh­rung zweck­mä­ßig sein, der Orga­ni­sa­ti­on ein Gesicht zu geben. Sie in einen Lie­bes­rausch ver­set­zen. Einen „Pur­po­se“ zu schaf­fen, der Men­schen moti­viert. Oder Wer­te zu dekla­rie­ren, mit denen Men­schen sich iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Aber hin­ter jedem Rausch kommt das Erwa­chen. Und dann ist die Fra­ge, ob wir noch wie­der­erken­nen, was sich in der Pra­xis ent­klei­det hat. Bes­ser wäre es.

Ver­än­de­run­gen kön­nen nie allen gefallen

Wie kurz emo­tio­na­le Tau­me­lei greift, weiß jeder, der über einen län­ge­ren Zeit­raum Mit­glied einer Orga­ni­sa­ti­on ist. Da gibt es gute und schlech­te Zei­ten. Und immer wie­der not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen, die regel­mä­ßig denen nicht gefal­len, die mit einem ande­ren Sinn­ver­spre­chen an Bord gekom­men sind. Was, wenn gespart wer­den muss – und zwar genau am und im Her­zens­be­reich? Begrei­fen wir Füh­rung als die Fähig­keit zur lau­fen­den Kor­rek­tur, geht es nicht ohne Verletzung.

Die dort beson­ders stark wir­ken, wo die Emo­tio­na­li­tät hoch ist. Was, wenn die agi­len Träu­me sich als Schäu­me ent­pup­pen, sobald har­te Rech­ner und Prio­ri­sie­rer das Ruder über­neh­men? Das allein spricht schon für eine gewis­se Nüchternheit.

Die Orga­ni­sa­ti­on ist eine Verführungsinstanz.

Sie macht Ver­spre­chen, die sie nicht hal­ten kann. Aber um die­sen Gedan­ken anzu­neh­men, braucht es ein Bewusst­sein für ihre grund­le­gen­de Logik. Das Unter­neh­men will sich erhal­ten, braucht wirt­schaft­li­chen Erfolg. Die Ver­wal­tung braucht Legi­ti­ma­ti­on durch Verordnung.

Wenn all­zu roman­ti­sche Vor­stel­lun­gen vor­herr­schen, kann es Sinn machen, genau die­se zu the­ma­ti­sie­ren. Denn vie­le Men­schen haben ein tie­fes kul­tu­rel­les Jam­mer­tal um die Orga­ni­sa­ti­on gebaut, in dem sie stän­dig bekla­gen, dass es ist, wie es ist. Da bleibt kaum noch Zeit für den eigent­li­chen Job.

Viel mehr Sinn macht es des­halb den Blick auf die unmit­tel­ba­ren Bezie­hun­gen zu len­ken. Den Kun­den etwa, dem die Orga­ni­sa­ti­on egal ist, nicht aber die Tat­sa­che, dass er oder sich gut bera­ten fühlt.

Und den Kol­le­gen. Men­schen bil­den Bezugs­punk­te, die man aktiv gestal­ten und aus­bau­en kann. Man muss sich auch lösen von der Vor­stel­lung, über­all in einer grö­ße­ren Orga­ni­sa­ti­on müs­se es ähn­lich sein. Muss es nicht.

Nun stellt sich die Fra­ge, wel­chem Zweck das Spre­chen über Emo­tio­nen dient. Eini­ge Gedan­ken dazu:

  • Gehört es zur Kul­tur? Dann ist die Fra­ge, wel­chem Zweck es dient. Wel­che Grup­pen­dy­na­mik ent­fal­tet sich dadurch? Es gibt auch Grup­pen, in denen die über­bor­den­de Emo­tio­na­li­tät nicht weni­ger als ein Macht­mit­tel weni­ger Per­so­nen ist. Das ver­hin­dert Leis­tung. Dar­über zu spre­chen kann das Team ent­las­ten. Ähn­li­ches gilt für sozi­al erwünsch­te Befind­lich­keits­be­kun­dun­gen, sei es im mor­gend­li­chen Check-In oder im Rah­men von Team­bil­dung. Wer da mit­macht ohne es zu wol­len, ver­spielt die Chan­ce einer neu­en Ord­nung. Team­ge­stal­ter kön­nen die­se Din­ge besprech­bar machen.
  • Gehört es nicht zur Kul­tur? Dann ist die Fra­ge, wel­chem Zweck der Aus­schluss dient. Geht es dar­um sach­lich zu sein? Und geht dar­über die Sach­lich­keit am Ende baden? Gera­de hin­ter ver­meint­li­cher Sach­lich­keit ver­birgt sich oft beson­ders viel Emo­ti­on. Wenn der Pfrop­fen aus der Fla­sche gelas­sen wird, kann auch das entlasten.

Gefüh­le als indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Vorahnungen

Bei all dem soll­ten Team­ge­stal­ter sich bewusst sein, was Emo­tio­nen sind und wel­che Rol­le sie bei Ver­än­de­rung spie­len. Oft gibt es ver­al­te­te Vor­stel­lun­gen wie etwa die von den kul­tur­über­grei­fen­den Gefüh­len nach Paul Ekman. Die neue­re For­schung, beflü­gelt durch Lisa Feld­man Barett, konn­te Ekmans For­schun­gen jeden­falls nicht replizieren.

Feld­man Barett sieht Gefüh­le als indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Vor­ah­nun­gen. Sie sind stets kon­tex­tua­li­siert. Dazu gibt es hier bei Sven­ja einen ver­tie­fen­den Beitrag.

Men­schen sind unter­schied­lich ver­siert im Umgang mit ihren eige­nen Emo­tio­nen. In Refle­xi­on Fort­ge­schrit­te­ne kön­nen Gedan­ken von Gefüh­len tren­nen und dar­über spre­chen. Ein­stei­ger sind damit dage­gen schnell über­for­dert. Zudem über­tritt man all­zu leicht die Gren­ze ins Pri­va­te. So kann die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung emo­tio­na­ler Bekun­dun­gen, etwa in mor­gend­li­chen Zusam­men­tref­fen, hilf­reich sein, aber auch in Grup­pen­den­ken aus­ar­ten. Es kommt eben immer dar­auf an…

Die Offen­le­gung des Per­sön­li­chen birgt gera­de in gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen mit hoher Ver­än­de­rungs­dy­na­mik oft mehr Gefah­ren als Nutzen.

Vor allem auch in einer Zeit, in der wir nicht mehr damit rech­nen kön­nen, 20 Jah­re am sel­ben Platz zu arbei­ten. In wel­cher Funk­ti­on begeg­net uns der Kol­le­ge dem­nächst? Hier vor­sich­tig zu sein, ist kul­tu­rell zweck­mä­ßig. Ver­trau­en ist zwar der Anfang von allem, aber eben auch leicht erschüttert.

Wird das „emo­tio­na­le Dar­über spre­chen“ zur Norm, ent­steht eine Schief­la­ge. In einem unse­rer Kur­se äußer­te sich eine Teil­neh­me­rin kri­tisch zum so genann­ten „span­nungs­ba­sier­te Arbei­ten“. Es hät­te in ihrem Bereich nicht funk­tio­niert. Im Gegen­teil, in der Fol­ge war alles, was mit Agi­li­tät zu tun hat, tabu. Wir müs­sen uns klar sein: Eine Metho­de muss kon­text­be­zo­gen betrach­tet werden.

Sich die­ser Kon­text­ab­hän­gig­keit bewusst zu sein, ist der wich­tigs­te Punkt. „Was, so etwas erlebt ihr wirk­lich?“ frag­te kürz­lich eine Team­ge­stal­te­rin die ande­ren. Sie konn­te sich nicht vor­stel­len, dass es auch Berei­che mit einer nega­ti­ven Hab-Acht-Vor­­­sicht geben kann. Oft steht da der per­sön­li­che Glau­be dahin­ter, dass man mit posi­ti­ver Ener­gie schon alles zum Guten wen­den kön­ne. Doch das eige­ne Erle­ben ist eben auch gefärbt durch die eige­ne Erfahrung.

Ob etwas posi­tiv oder nega­tiv wirkt, ist schließ­lich auch zeit­lich kei­nes­wegs sta­bil. Kommt Zeit, kommt Rat, heißt es. Und ja: Es kann sein, dass etwas gera­de nicht passt – und spä­ter dann doch. Team­ge­stal­te­rin­nen haben mit­un­ter die Nei­gung, alles Mög­li­che ein­zu­füh­ren. Vie­le lie­ben Metho­den. Aber es ist nicht die Metho­de an sich, son­dern die Metho­de zu rech­ten Zeit, im pas­sen­den Kon­text, vor dem Hin­ter­grund eines Zwecks.

Wenn du als Team­ge­stal­te­rin arbeitest:

  • Bli­cke auf den kul­tu­rel­len Kon­text und die bis­he­ri­gen Mus­ter. Fra­ge dich, ob das Spre­chen über Emo­tio­nen hilf­reich und zweck­mä­ßig für dei­nen Auf­trag wäre oder nicht.
  • Len­ke den Blick von der Orga­ni­sa­ti­on auf die kon­kre­ten Men­schen und gestalt­ba­re Pro­zes­se. Ver­klei­ne­re das Blick­feld, schlie­ße das Jammertal.
  • Len­ke metho­disch auf das emo­tio­na­le „Wir“ und nicht auf das gefüh­li­ge „Ich“. Indi­vi­du­el­le Befind­lich­kei­ten tun nur dann was zur gemein­sa­men Sache, wenn sie den Blick aufs Wir verhindern.
  • Fra­ge dich, was und wem es gera­de jetzt nutzt, über Emo­tio­nen zu sprechen.
  • Kon­zen­trie­re dich auf gemein­sa­me Ritua­le, denn hier sind Emo­tio­nen meist rich­tig plat­ziert. Es kann sein, dass ein Team trau­ert, weil es einen Mit­ar­bei­ter ver­lo­ren hat. Dann braucht das Raum und Ritu­al für Abschied. Es kann sein, dass da jemand noch nicht ange­kom­men ist im neu­en Umfeld. Auch das braucht Raum und Ritu­al– fürs Ankommen.

Mache dir immer klar, dass Gren­zen zwi­schen Beruf und Pri­vat­le­ben am Ende zweck­mä­ßig sind, auch wenn die Orga­ni­sa­ti­on die­se ungern zieht. Wes­halb sie wider­sprüch­li­che Ange­bo­te instal­liert und Bot­schaf­ten aussendet.

Schüt­ze dich und die ande­ren vor Jam­mer­t­al­emo­tio­nen. Jede grö­ße­re „Orga­ni­sa­ti­on“ macht vie­le dum­me Sachen. Die Lösung ist immer das nächs­te Pro­blem. Vie­le Men­schen sehen das aber nicht so, wes­halb sie stän­dig über Din­ge jam­mern, die eben passieren.

Bei all­dem gilt: Gefüh­le wer­den aus Gedan­ken erschaf­fen. Bekom­men Gedan­ken gefüh­li­ge Auf­merk­sam­keit, sind sie prä­sent. Ob das jetzt hilf­reich ist oder nicht, braucht die Fähig­keit in Reso­nanz zu gehen.

Bei­trags­fo­to: Mit KI erstellt

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