War­um das Sys­te­mi­sche hoff­nungs­los über­schätzt wird

… und was Tea­ment­wick­lung wirk­lich braucht.

„Ist Ihre Aus­bil­dung denn sys­te­misch?“ wer­den wir häu­fig gefragt. Gemeint ist meist ent­we­der „Machen Sie auch Orga­ni­sa­ti­ons­auf­stel­lun­gen?“ oder „Arbei­ten Sie ordent­lich?“. Im Grun­de steht bei­des in engem Zusam­men­hang. Blog-Autorin Sven­ja Hofert muss bei die­sen Fra­gen immer ein­mal tief durch­at­men. Denn lei­der ver­wen­den die meis­ten Sys­te­misch als Kon­strukt. Und da kann ja was nicht stim­men… Das Wort­un­ge­heu­er “sys­te­misch” muss heu­te lei­der für alles und nichts her­hal­ten. In Deutsch­land hat es eine unschö­ne Schorn­stein­kar­rie­re hin­ter sich. Irgend­je­mand hat damit ange­fan­gen – und dann wur­de es ver­brei­tet. So gut wie alle Aus­bil­dun­gen tra­gen ein „sys­te­misch“ davor, teil­wei­se ohne sys­te­misch zu sein, weni­ge haben sich für „inte­gra­tiv“ ent­schie­den. Schau­en wir in den anglo­ame­ri­ka­ni­schen Raum, ist von die­ser Begriffs-Kar­­rie­­re nichts zu sehen. Sys­tem­theo­rien haben längst nicht die Bedeu­tung wie bei uns. Die USA sind deut­lich huma­nis­ti­scher. Posi­ti­ve Psy­cho­lo­gie spielt auch im Unter­neh­mens­kon­text eine grö­ße­re Rol­le. Wir in Deutsch­land aber ver­su­chen den Men­schen aus­zu­blen­den. Wir mei­nen ernst­haft, dass es reicht, den Kon­text und die Kon­stel­la­ti­on zu ändern. Sys­te­misch wird von eini­gen Ver­tre­tern oft sehr ein­sei­tig inter­pre­tiert, nicht in der Tra­di­ti­on eines Sowohl-als-Auch-Den­­kens, son­dern als kate­go­ri­sches Entweder-Oder.

Ich habe einen Ver­dacht: Es hat mit Deutsch­land und den Deut­schen zu tun, einem Hang zur Regle­men­tie­rung und der Suche nach dem „Rich­ti­gen“. Das „Rich­ti­ge“ ist aber immer ein Kon­strukt, ein mit Begrif­fen und Wor­ten und Argu­men­ten indi­vi­du­ell erzeug­tes Ver­ste­hens­mo­dell für die eige­ne Wahr­heit, teil­wei­se unter­mau­ert von Wis­sen­schaft­lich­keit oder Erfah­rung. Aber natür­lich sind wis­sen­schaft­li­che Model­le auch Kon­struk­te. Und Erfah­rung erst! Uncon­scious Bias über­all! Kon­struk­te sind aber auch nichts Schlech­tes, man kann sich für bes­se­re und schlech­te­re ent­schei­den. Nur man soll­te es bewusst tun und nicht verordnet.

Und dann kann man Kon­struk­te auf kei­nen Fall für Wahr­heit hal­ten. Doch das pas­siert lau­fend, immer wie­der, stän­dig. So wer­den Men­schen sys­te­misch aus­ge­bil­det, die weder sys­te­misch noch kon­struk­ti­vis­tisch den­ken kön­nen. Die Suche nach einem spe­zi­el­len Tool oder einem heil­brin­gen­den Ansatz ist ein Aus­druck die­ser im Bera­­tungs- und Coa­ching­kon­text heik­len Haltung.

Wenn ich höre „Ist Ihre Aus­bil­dung denn auch sys­te­misch?“ stel­le ich mir meh­re­re Fragen:

  • Was meint der­je­ni­ge eigent­lich genau?
    • Geht es um Orga­ni­sa­ti­ons­auf­stel­lun­gen oder will er/sie wis­sen, ob wir eine Hal­tung ein­neh­men, die den Kon­text mit ein­be­zieht (was die Mini­mal­an­for­de­rung sys­te­mi­schen Den­kens wäre)?
    • Geht es um sys­te­misch als orga­ni­sa­ti­ons­spe­zi­fi­sche Ablei­tung von einer der zahl­rei­chen sys­te­mi­schen Familientherapie-Ansätze?
    • Geht es um sys­te­misch als prak­ti­sche Ablei­tung von einer der zahl­rei­chen Sys­tem­theo­rien? Von wel­cher denn genau? Es gibt ver­schie­den all­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Systemtheorien.
    • An wem (mal ganz über­ge­ord­net) ori­en­tiert sich der­je­ni­ge genau?
  • War­um will der­je­ni­ge „sys­te­misch“ haben?
    • Ist es die Sicher­heit, etwas zu bekom­men, was gesell­schaft­lich, in der Peer­group oder im Unter­neh­mens­kon­text akzep­tiert ist? Wenn jemand so denkt, kann er aber doch gar nicht sys­te­misch den­ken, auf jeden Fall nicht kon­struk­ti­vis­tisch (und Sys­tem­theo­rien und Kon­struk­ti­vis­mus gehö­ren doch irgend­wie zusammen).
  • Wozu genau braucht der­je­ni­ge denn „sys­te­misch“?
    • Möch­te er Teams coa­chen oder ent­wi­ckeln oder lei­ten? Dann ist es gut, wenn er wirk­lich sys­te­misch denkt, die Bedeu­tung von Kon­struk­ten begreift, über ver­schie­de­ne (und nicht nur eins!) Tools lernt, sich von Tools zu befrei­en. Dabei ist die Bereit­schaft, sich selbst mit­zu­ent­wi­ckeln ein­fach unab­ding­bar. Wer mit Men­schen arbei­tet, muss sich ent­wi­ckeln wol­len! Will also jemand nur Tool-Anwen­­dung, könn­te es schwie­rig werden.

Auf­grund die­ser Fra­gen haben wir unse­re TeamworksPLUS®-Ausbildung inzwi­schen in „inte­gra­tiv“ umbe­nannt. Wir bil­den nicht nur „sys­te­misch“ aus, weil das für Tea­ment­wick­lung und auch für Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung allein gar kei­nen Sinn macht. Grup­pen­dy­na­mi­sche Kon­zep­te und huma­nis­ti­sche Ansät­ze braucht man ganz genau­so. Außer­dem sind gera­de eini­ge huma­nis­ti­sche Kon­zep­te beson­ders geeig­net, echt sys­­te­­misch-kon­­stru­k­­ti­­vis­­ti­­sches Den­ken zu för­dern, so die Ich-Ent­­­wick­­lung oder Robert Kegans “Ent­wick­lungs­stu­fen des Selbst”, die auch dem in der New-Work-Sze­­ne gera­de gehyp­ten Buch “An ever­yo­ne cul­tu­re. Beco­m­ing a deli­ber­ate­ly deve­lo­p­men­tal orga­niz­a­ti­on” zugrun­de liegt.

Über das The­ma habe ich mir vor zwei Jah­ren bereits im eige­nen Blog Gedan­ken gemacht.

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4 Comments 

  1. Mike Bor­chert 24. Novem­ber 2016 at 21:03 — Reply

    DANKE!

    Von einer ande­ren Sei­te aus, bin ich zu Ihnen gekom­men. Ich muss immer lachen, wenn heu­te Sys­te­mi­sche Aus­bil­dun­gen die Hälf­te der Zeit einer nor­ma­len Aus­bil­dung dau­ern sol­len und dabei das X fache kosten. 

    Da wür­de ich ja wirk­lich gern mal n Gast­bei­trag zu schreiben 🙂

  2. […] Sys­te­misch ist so etwas die die Recht­fer­ti­gung für alles. „Mei­ne Coa­ching­aus­bil­dung war sys­te­misch“, signa­li­siert Qua­li­tät und die Ein­hal­tung eines Stan­dards, von dem kaum einer weiß, was er eigent­lich beinhal­tet.  Ist es nicht selbst­ver­ständ­lich, davon aus­zu­ge­hen, dass jeder Mensch Pro­dukt sei­ner eige­nen Wahr­neh­mung und Teil eines Sys­tems ist, dass z.B. durch Inter­ak­ti­on zwi­schen Men­schen und Umwel­ten ein Sys­tem ent­steht und sich ver­än­dert? Dass jeder Mensch nie los­ge­löst vom Kon­text betrach­tet wer­den kann, son­dern im Zusam­men­hang gese­hen muss? Inter­dis­zi­pli­när sozu­sa­gen? (im Sys­tem ste­hend). Das ist, kurz beschrie­ben das, was der Begriff inhalt­lich aus­sagt. Manch­mal. Eini­ge mei­nen auch Ablei­tun­gen aus der sys­te­mi­schen Fami­li­en­the­ra­pie, dazu habe ich aktu­el­ler bei Team­works geschrieben. […]

  3. Die­ter Salomon 2. August 2019 at 11:12 — Reply

    Lie­be Frau Hofert, Sie sind nicht sehr gut infor­miert. Ihr Arti­kel pola­ri­siert. Ich tei­le Ihre Sicht, dass der Begriff “sys­te­misch” häu­fig als Güte­sie­gel miss­braucht wird. Und dabei ist der Hin­ter­grund oft gar nicht sys­te­misch, son­dern ein ober­fläch­li­ches Kon­glo­me­rat aus unter­schied­li­chen Töp­fen. Es wäre hilf­reich für Ihre Leser, hier fun­diert infor­miert zu wer­den. Sie pole­mi­sie­ren mit ekla­tant feh­ler­haf­ten Aus­sa­gen. Zum Bei­spiel, dass im sys­te­mi­schen Kon­text der Mensch aus­ge­blen­det wür­de. Blan­ker Unsinn. Ich emp­feh­le Ihnen, sich, bevor Sie sich zu einem Rund­um­schlag hin­rei­ßen las­sen, gründ­lich zu infor­mie­ren und sich mit sys­te­mi­schen und sys­tem­theo­re­ti­schen Hin­ter­grün­den zu befas­sen. Klar, ich ver­ste­he, dass Sie mei­nen Kom­men­tar nicht ver­öf­fent­li­chen wer­den. Herz­li­che Grü­ße Die­ter Salomon

    • Sven­ja Hofert 1. Okto­ber 2019 at 19:32 — Reply

      Hal­lo Herr Salo­mon, dan­ke für Ihre lehr­meis­ter­li­chen Anmer­kun­gen, war­um soll­ten wir sie nicht veröffentlichen?
      Mir ist völ­lig klar, dass in der Theo­rie der Mensch nicht aus­ge­blen­det wird, mir geht es hier um Inter­pre­ta­tio­nen im (semi-)professionellen Kon­text, oder viel­mehr im kommerziellen.
      Ich wer­de mir die­sen etwas älte­ren Arti­kel dem­nächst noch mal vor­neh­men, eini­ge Sachen gefal­len mir auch nicht mehr. Pola­ri­sie­ren sehe ich aller­dings wei­ter­hin als ein wich­tigs­tes Stil­mit­tel — was wäre die Welt ohne Pole? bes­te Grü­ße SH

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