Zom­­bie-Lea­­der­­ship: 8 Mythen, an die wir immer noch glauben

Wor­auf es bei Füh­rung wirk­lich ankommt: Followership

Wir glau­ben an Mythen über Lea­der­ship, die längst wis­sen­schaft­lich wider­legt sind. Wel­che 8 Mythen ver­brei­tet sind und was wirk­lich stimmt.

Erin­nern Sie sich noch, wie Wolo­do­myr Selen­skyj kurz nach Beginn des Ukrai­ne­kriegs als Role Model für Lea­der­ship durchs Inter­net “getra­gen” wur­de? Auf der Suche nach Hel­den gehen wir eige­nen Ste­reo­ty­pen auf den Leim. Dabei ist das Bild einer „idea­len“ Füh­rungs­kraft schon lan­ge wis­sen­schaft­lich bewie­se­ner Unfug. Obwohl wir es aber längst bes­ser wis­sen könn­ten, hal­ten sich Füh­rungs­my­then hartnäckig.

Hier sind acht Mythen aus der Stu­die „Zom­bie Lea­der­ship“. Wir kon­tras­tie­ren sie mit wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen und Gegenbeispielen.

8 Mythen über Lea­der­ship und Menschenführung

1. Mythos: Lea­der­ship dreht sich immer um Füh­rung. Wahr­heit: Es geht um Follower

Ein häu­fi­ges Miss­ver­ständ­nis liegt dar­in, dass die Füh­rungs­kraft im Vaku­um ange­sie­delt wird. Wir betrach­ten sie iso­liert, sepa­rie­ren ihre Ent­schei­dun­gen und Qua­li­tä­ten als trei­ben­de Kraft vom Umfeld. Ob die Bran­che im Auf- oder Abbau ist: Wen kümmert´s. Die idea­le Füh­rungs­kraft soll mit gleich­blei­ben­den Vor­ge­hens­wei­sen und Kom­pe­ten­zen jeder­zeit alles wuppen

In Wahr­heit zeigt die For­schung, dass die effek­tivs­ten Füh­rungs­kräf­te die­je­ni­gen sind, die ihre „Fol­lower“ ver­ste­hen und sich an deren Bedürf­nis­se anpas­sen. Lea­der­ship ist ein wech­sel­sei­ti­ges Ver­hält­nis, bei dem die Dyna­mik zwi­schen Füh­ren­den und Geführ­ten sich auch immer wie­der ver­än­dern kann.

Der Blick dar­auf macht gute Füh­rung aus. Ein Bei­spiel: Als Satya Nadel­la die Füh­rung bei Micro­soft über­nahm, hör­te er zuerst den Mit­ar­bei­tern zu und begann die Unter­neh­mens­kul­tur durch einen Fokus auf die Bedürf­nis­se der Teams zu refor­mie­ren. Dies führ­te zu einer neu­en Inno­va­ti­ons­kul­tur und stärk­te die inter­ne Zusammenarbeit.

2. Mythos Füh­rungs­kräf­te haben bestimm­te Qua­li­tä­ten. Wahr­heit: Die Wahr­neh­mung des Teams prägt die Sicht auf den Leader

Oft wird ange­nom­men, dass Füh­rungs­qua­li­tä­ten fix sind – wie Mut, Inte­gri­tät und Durch­set­zungs­ver­mö­gen. Stu­di­en zei­gen jedoch, dass es weni­ger auf die tat­säch­li­chen Eigen­schaf­ten ankommt, son­dern dar­auf, wie die­se wahr- und ange­nom­men wer­den. Ein Füh­ren­der mag selbst­be­wusst auf­tre­ten, aber wenn das Team dies als Über­heb­lich­keit wer­tet, wird er an Effek­ti­vi­tät ver­lie­ren. Ein Bei­spiel ist Ste­ve Jobs, des­sen Füh­rung sei­ne Mit­ar­bei­ter als inspi­rie­rend und visio­när ansa­hen – aber erst, nach­dem er die Wahr­neh­mung der Mit­ar­bei­ten­den als visio­nä­rer, wenn auch eigen­wil­li­ger Lea­der eta­bliert hat­te. Die Wahr­neh­mung des Teams prägt, was als „Qua­li­tät“ gewer­tet wird. Und die­se wird von der Kul­tur der Orga­ni­sa­ti­on, aber auch der Situa­ti­on, in der sie sich befin­det, bestimmt. In ande­rem Kon­text oder zu einer ande­ren Zeit hät­te er viel­leicht nicht ando­cken können.

3. Mythos: Füh­rungs­kräf­te sind gleich­blei­bend erfolg­reich. Die Wahr­heit: Es hängt am Timing.

Die­se Vor­stel­lung beruht auf der Annah­me, dass es bestimm­te Hand­lun­gen oder Maß­nah­men gibt, die eine gute Füh­rungs­kraft aus­ma­chen – wie kla­re Anwei­sun­gen geben oder Zie­le set­zen. In Wirk­lich­keit pas­sen sich erfolg­rei­che Füh­rungs­kräf­te ihrem Umfeld an. Jac­in­da Ardern reagier­te wäh­rend der Covid-19-Pan­­de­­mie auf die Bedürf­nis­se ihres Lan­des, indem sie eine sanf­te, empa­thi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie wähl­te, anstatt strik­te Befeh­le zu ertei­len. Es pass­te in die Zeit.

Die­se Her­an­ge­hens­wei­se traf des­halb zunächst auch den Nerv ihrer Bevöl­ke­rung und führ­te zu Akzep­tanz der Maß­nah­men. Doch spä­ter änder­te sich die öffent­li­che Stim­mung, und sie wur­de für ihre unfle­xi­ble Stra­te­gie zuneh­mend kri­ti­siert. Dies zeigt, wie schnell sich die Wahr­neh­mung von Füh­rung im Lau­fe der Zeit ändern kann. Die aktu­el­len Erwar­tun­gen und Stim­mun­gen beein­flus­sen deut­lich. Die­se wie­der­um unter­lie­gen Schwan­kun­gen und der Logik von Auf und Ab.

4. Mythos: Wir wer­den eine gro­ße Füh­re­rin immer erken­nen. Wahr­heit: Es ist eine Fra­ge der Perspektive.

Der Mythos besagt, dass sich her­aus­ra­gen­de Füh­rungs­kräf­te durch­set­zen und unmiss­ver­ständ­lich zu erken­nen sind. Doch was als „groß“ gilt, ist stark kon­text­ab­hän­gig. In man­chen Unter­neh­men wer­den durch­set­zungs­star­ke Füh­rungs­kräf­te favo­ri­siert, wäh­rend in Start-ups oft die Fähig­keit zur Inno­va­ti­on für Aner­ken­nung sor­gen kann. Eine Stu­die des Har­vard Busi­ness Review zeigt, dass es kei­nen uni­ver­sel­len „Erfolgs­typ“ gibt, son­dern dass Men­schen Füh­rungs­kräf­te oft sehr sub­jek­tiv und unter­schied­lich wahr­neh­men. Was als gute Füh­rung gilt, ist sehr stark vom Umfeld abhängig.

So hat die Autorin die­ses Bei­trags Füh­rungs­kräf­te erlebt, die mit ihrem Füh­rungs­ver­hal­ten in dem einen Unter­neh­men nega­tiv, im ande­ren jedoch posi­tiv bewer­tet wur­den. Ent­schei­dend war nicht ein Fak­tor, son­dern vie­le. Auch die Tat­sa­che, dass jemand anders­wo nicht “beschrie­ben” ist, kann viel bewirken.

5. Mythos: Es gibt bestimm­te Din­ge, die alle Füh­ren­den tun. Wahr­heit: Es kommt auf die Situa­ti­on an.

Die Annah­me, dass es eine uni­ver­sel­le Check­lis­te für Füh­rung gibt, ist schlicht falsch. Lea­der­ship muss sich an das Umfeld anpas­sen. Was ein­mal funk­tio­niert, kann das nächs­te Mal voll­kom­men kon­tra­pro­duk­tiv sein. Das zeigt, dass Füh­rungs­sti­le weni­ger von einem bestimm­ten Arbeits­um­feld abhän­gen, als viel­mehr von den spe­zi­fi­schen Anfor­de­run­gen und Struk­tu­ren und Her­aus­for­de­run­gen. In Kri­sen­si­tua­tio­nen sind oft dras­ti­sche Ent­schei­dun­gen und Neue­run­gen gefragt, die teils leich­ter von nar­ziss­tisch gepräg­ten Lea­dern ver­tre­ten wer­den kön­nen. Deren oft cha­ris­ma­ti­sche Art kann für eine ent­schie­de­ne Wei­chen­stel­lung gut sein. Spä­ter aber kön­nen die­sel­ben Per­so­nen schäd­lich sein.

6. Mythos: Lea­der­ship ist für alle gleich. Wahr­heit: Es gibt gro­ße kul­tu­rel­le Unterschiede

Die­ser Mythos igno­riert den Kon­text, in dem Füh­rung statt­fin­det. Was als „gute“ Füh­rung gilt, vari­iert je nach Kul­tur, Bran­che und Situa­ti­on. Zum Bei­spiel sehen asia­ti­sche Kul­tu­ren oft eine eher gemein­schafts­ori­en­tier­te und respekt­vol­le Füh­rung als ide­al an, wäh­rend in den USA Indi­vi­dua­lis­mus und die Durch­set­zung von per­sön­li­chen Visio­nen mehr Gewicht haben. Es kann mal ein mehr extro­ver­tie­res. mal eine intro­verier­te­re Art kul­tu­rell akzep­tiert sein. Die Deut­schen sind bei­spiels­wei­se nicht gut im Strei­ten, was dazu führt, dass man gesun­de Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten nicht aus­trägt. Die Ten­denz besteht, die­se direkt per­sön­lich zu neh­men. Dar­über schreibt die Autorin Sven­ja Flaß­pöh­ler in ihrem aktu­el­len Buch “Strei­ten”.

Auch die Erwar­tun­gen an weib­li­che Füh­rungs­kräf­te sind oft anders als die an männ­li­che, was zu einer dop­pel­ten Last füh­ren kann. Die Sozio­lo­gin Debo­rah Anco­na zeigt mit ihren Arbei­ten auf, dass Füh­rung kon­­­text- und kul­tur­ab­hän­gig ist. Danach fällt das Ver­ständ­nis von Lea­der­ship glo­bal unter­schied­lich aus.

7. Mythos: Lea­der­ship ist immer gut und gut für alle. Wahr­heit: Es kann auch üble Machen­schaf­ten begründen.

Die „heroi­sche“ Vor­stel­lung von Füh­rungs­kraft ist pro­ble­ma­tisch, da sie Ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen, die sich nega­tiv auf die Grup­pe oder Gesell­schaft aus­wir­ken. Sie kön­nen eine Men­ge Fol­lower um mie­se Machen­schaf­ten sam­meln. Sie fes­ti­gen  Macht­struk­tu­ren und Hier­ar­chien oder för­dern sogar Miss­brauch oder Ungleich­heit. Ein Bei­spiel hier­für ist der Miss­brauch von Macht durch cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­kräf­te, wie dies bei der Anla­ge­be­trü­ge­rin Eliza­beth Hol­mes und dem Unter­neh­men Ther­anos der Fall war. Hol­mes’ Füh­rung wur­de lan­ge bewun­dert, bis sich her­aus­stell­te, dass ihre cha­ris­ma­ti­sche Füh­rung in Betrug mün­de­te und das Unter­neh­men auf einer Lüge basier­te. Lea­der­ship ist nicht per se posi­tiv und kann, wenn miss­braucht, ver­hee­ren­de Kon­se­quen­zen haben.

8. Mythos: Füh­rung ist immer posi­tiv für Grup­pen. Wahr­heit: Sie kann auch nega­ti­ve Effek­te haben

Die Idee, dass Grup­pen ohne Füh­rungs­kräf­te nicht funk­tio­nie­ren, ist über­holt. Ws stimmt auch nicht, dass EINE Füh­rung bes­ser ist als kei­ne Führung.

Stu­di­en zei­gen viel­mehr, dass Füh­rung auch nega­ti­ve Effek­te auf die Leis­tung haben kann. Wei­ter­hin gibt es Bele­ge, dass Grup­pen ohne eine klar defi­nier­te Füh­rungs­per­son gut funk­tio­nie­ren kann. Man­che agi­le Teams etwa arbei­ten ohne fest­ge­leg­te Hier­ar­chien und ent­schei­den als Kol­lek­tiv, was zu tun ist. Es gibt auch Bei­spie­le für wech­seln­de oder geteil­te Füh­rung. In der Soft­ware­ent­wick­lung zeigt sich, dass sol­che Teams oft effek­ti­ver sind und schnel­ler auf Ver­än­de­run­gen reagie­ren kön­nen. Ein Bei­spiel für funk­tio­nie­ren­de selbst­or­ga­ni­sier­te Struk­tu­ren ist die Han­dels­platt­form Wiki­pe­dia, die auf frei­wil­li­ger Basis und ohne stren­ge Hier­ar­chien arbeitet.

Füh­rung sagt oft viel weni­ger über die Füh­rungs­kraft selbst aus als viel mehr über den Kon­text, die Umge­bung und die Wahr­neh­mun­gen der Geführ­ten. Füh­rung ist weni­ger eine fest­ste­hen­de Rol­le als ein stän­dig neu ver­han­del­ter und an die Situa­ti­on ange­pass­ter Pro­zess. Indem wir uns von ver­al­te­ten Vor­stel­lun­gen befrei­en und Füh­rung als etwas Leben­di­ges, Dyna­mi­sches und Kon­text­spe­zi­fi­sches betrach­ten, kön­nen wir nicht nur bes­se­re Füh­rungs­kräf­te för­dern, son­dern auch die Vor­stel­lung von Füh­rung in einer sich ste­tig wan­deln­den Welt weiterentwickeln.

Letzt­end­lich deu­ten die Befun­de auf die Rele­vanz sys­te­mi­scher Per­spek­ti­ven auf Füh­rung, Macht, Rang und Rol­le. Um ihre eige­nen Ansät­ze für die Pra­xis zu ent­wi­ckeln, bie­ten wir Ihnen unser Semi­nar “Sys­te­misch Füh­ren”.

  • Die Stu­die: S. Alex­an­der Has­lam, Mats Alves­son, Ste­phen D. Rei­cher, Zom­bie lea­der­ship: Dead ide­as that still walk among us,
    The Lea­der­ship Quar­ter­ly, Volu­me 35, Issue 3, 2024, 101770, ISSN 1048–9843, https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2023.101770. Online hier

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