Wie rasant die Krise unsere Entwicklung im digitalen Raum beschleunigt

Corona und die Digitalisierung unserer Online-Angebote wie Seminare und Workshops

By fizkes - Shutterstock

„Geht nicht.“ “Wir haben ein People Business“ Wir waren mit ganz vielen Mindfucks unterwegs. Jetzt haben wir die ersten drei Tage komplett remote hinter uns. Und es war viel besser als wir dachten. Eine steile Lernkurve für Thorsten Visbal und mich. Wir berichten.

Wir hatten keine Chance: Entweder alles verschieben und absagen oder auf Online-Kurse umstellen. Das Virus sitzt uns im Nacken, in jeder Beziehung. Es ist lästig, gefährlich. Man kann sich totstellen und abwarten. Doch wir sind Unternehmer. Wir haben  Mitarbeiterinnen, denen wir einen Arbeitsplatz sichern wollen. Ein von uns ausgebildetes Trainer- und Beraterteam, das wir halten möchten. Und vor allem auch Kundinnen, die wir nicht im Regen stehen lassen wollen.

Vorher war „digital“ ein Randthema. Zwar fragten Firmen regelmäßig nach Learning-Nudgets und Blended-Learning-Angeboten, doch die Mitarbeiterinnen hatten daran kaum ein Interesse. Die Anfragen waren fast immer rein kostengetrieben.

Digitalisierung jetzt, sofort

Als der schwarze Schwan seine Flügel hob, gab es nur eine Chance: Digitalisierung jetzt. Wir entschieden, neben Coaching und Supervision auch offene und geschlossene Workshops, Seminare und Ausbildungen online stattfinden zu lassen. Während die Unternehmen sich bis auf wenige noch verhalten zeigten, hing das offene Angebot vor allem an einer Frage: Würden die Kundinnen die Umstellung annehmen? Es gibt die rechtliche Möglichkeit einer Vertragsanpassung aus dringenden Gründen. Aber kein Corona-Virus-Gesetz.

Überwältigende Zustimmung

Es funktionierte. Die überwältigende Mehrzahl der bisher gebuchten Teilnehmerinnen akzeptierte die Vorgehensweise. Unsere Mitarbeiterinnen mussten teils Überzeugungsarbeit leisten, doch es war viel weniger als wir gedacht hatten. Oft war es mehr psychologische Zusprache, Mutmachen, es doch digital zu probieren, sich einzulassen.

Und so konnten wir unser Modul 3 mit der Ausbildungsgruppe 8 von TeamworksPLUS vom 19.3.-21.3 online starten. Das wird in unsere Unternehmensgeschichte eingehen. War anfangs noch eine Teillösung geplant, bei der einige vor Ort sein würden und andere zugeschaltet, machte der Hamburger Senat am 15.3.2020 diese Hybrid-Lösung unmöglich (hier aktuelle Corona-Informationen). Also gehen wir ganz online, entschieden wir.

Wir fangen nicht bei Null an, aber wir müssen jetzt schneller sein

Wir fangen nicht bei null an. Schon vor mehr als 20 Jahren war ich, Svenja, als Tutorin bei den ersten Online-Akademien tätig. Damals habe ich Marketing gelehrt und Seminararbeiten korrigiert. Das war alles noch sehr altbacken.

Ich habe eines der ersten Blended-Learning-Zertifikate erworben, 2001 – doch ich habe nichts gelernt, was man heute braucht. Doch viele Akademien, Universitäten und Fachhochschulen haben sich aus dem „digitalisierte Bücher“-Zustand nie heraus entwickelt. Die meisten Fernhochschulen verschicken immer noch Bücher- und Heftpakete.

Das Thema kam nie so recht ins Rollen. Erst die Khan-Universität und einige andere Startups brachten wirklich neue Impulse.

Kurz-Webinare zum Kennenlernen

Wir haben von Anfang an auf kostenlose Kurzwebinare gesetzt. Unsere Webinare sind sehr gut besucht, inzwischen schaffen wir die maximal mögliche Zahl von 100 Teilnehmern.

Das ist aber eine ganz andere Form als in einem Online-Workshop oder Online-Seminar. Wir müssen lernen: Es gibt sehr viele Formen und Möglichkeiten derzeit im Netz, auch technischer Art. Wertvoll jetzt, dass wir auf alle möglichen Social-Media-Accounts gesetzt haben, etwa XING-Insider, Twitter, Instagramm und Linkedin.

Unsere Webinare laufen auf unserer Plattform bei Edudip. Dies ermöglicht aber nicht den Workshop-Charakter den wir für die Ausbildungen und Seminare brauchen. Es ist einfach ein anderes Format.

Online-Workshops sind nicht das, was wir als Webinar kennen

Und hier ist dann auch der Denkfehler: Bei Remote und Online-Lernen denken alle an Videos, vielleicht gepaart mit Download-Dokumenten. Man hat Diskussionsforen im Kopf oder Beratungschats. Vor allem aber denkt man an maximale Standardisierung, an Effizienz.

Genau das bieten moderne Online-Workshops nicht.

Der Aufwand für Online-Workshops ist größer

Sie sind eher aufwändiger als Live-Veranstaltungen. Es ist kaum machbar mit nur einem Moderator, auch nicht bei unseren üblichen 12er-Gruppen.

Man braucht dringend eine technische Moderation. Bei der Arbeit in mehreren Räumen, so genannten Breakout-Sessions, sogar mehrere Moderatoren, und je nach Konzept auch Coaches. Leute also, die etwas auffangen können, was in den Kleingruppen entsteht. Die strukturieren, klären, helfen, aber auch challengen. Somit sind Online-Workshops keineswegs günstiger, eher im Gegenteil. Den Aufwand stelle ich mir mit wachsender Zahl anspruchsvoller vor, aber die Online-Open Space-Erfahrung haben wir noch nicht.

Keine Trainer, sondern Raumgeber

Sicher lassen sich unterschiedliche Niveaus erreichen. Die hängen weniger an der Technik als an einem guten Zusammenspiel der Moderatoren. Das Ganze ist Teamarbeit und entspricht somit überhaupt nicht dem klassischen Trainer-Konzept, bei dem ein Alleinunterhalter die anderen „motiviert“.

Im Gegenteil, es gilt vielmehr, Lernen zu ermöglichen und das braucht Selbstorganisation. Die Moderatoren sind keine Stars im Mittelpunkt, sondern Raumgeber im Background. Dieser Trend zeichnet sich schon länger ab, widerspricht aber den Trainingsrealitäten der letzten Jahre.

Selbstorganisation ist nun Konzept

Schon immer haben wir Gruppen in die Verantwortung genommen. In unseren Seminaren und Workshops übten wir Selbstorganisation. Doch geklappt hat das nicht immer. Zu sehr war die Rolle des Seminarleiters eben auch die des Strukturgebers, des Raumschließers, des Initiators. Gruppendynamiken zulassen – ja, aber nur bis zu einem bestimmten Grad, dann gingen auch schon wieder wir in die Führung. Weil die anderen es erwartet haben, und weil wir es auch so gewohnt sind. Eine wechselseitige Verstärkung und Veränderungsverhinderung.

Führung wird sich jetzt ganz anders entwickeln

Mit Corona und der Notwendigkeit der Selbstorganisation und Teamarbeit online in breiten Schichten, wird sich Führung viel schneller so entwickeln, wie wir es ja lange schon vorhergesehen haben:

  1. als klare und strategische Führung, die in Unsicherheit entscheidungsfähig ist,
  2. als verteilte Führung, die in kleinen selbstorganisierten Einheiten die Menschen zusammenhält.

Das ist das was ich in meinem Buch „Postagiles Führen“ beschrieben habe – Wochen vor Corona (hier vorbestellbar).

Mitarbeiterinnen sind gefordert

Diese Woche haben wir auch einen eindringlichen Appell an unser Team gerichtet: Wir werden eure Entscheidungen nicht mehr alle absichern können, wir können nur die Strategie vorgeben. Ihr müsst jetzt abwägen.

Denn mit Corona wird Agilität zu einer organisationalen Notwendigkeit: Die weit überwiegende Zahl der Tätigkeiten in nicht-systemrelevanten Bereichen beruhen auf Abstimmung und hängen von gemeinsamen Ergebnissen ab.

Das geht nicht ohne Verantwortungsübernahme, Selbstverpflichtung und den unbedingten Willen, persönlich zu wachsen.  Da ist niemand, der einem Lösungen vorkaut. Niemand der sagt, was genau zu machen ist. Einfach kaltes Wasser und der Hinweis auf eine Richtung, in die man springen soll. Eine Richtung, die sich jederzeit mit der Faktenlage ändern kann. Das sind Verhaltensweisen, die nicht geübt sind und die vielen enorm schwer fallen.

Unsere Situation bei Teamworks: Hold

Fas alle unsere großen Kunden für Inhouse-Workshops haben sich ins 3. oder 4. Quartal verabschiedet. Ausnahmen gibt es bei Pharma, Medizin und Telekommunikation/IT. Es ist weitgehend „hold“ angesagt.

Niemand weiß, ob sich die Welt bis zum Herbst nicht radikal verändert hat. Wenn das Internet es aushält, wird die Digitalisierung dann auf einem anderen Stand sein. Die globale Welt könnte bis dahin eine lokale geworden sein. Die VUCA-Welt ist jetzt spätestens bei allen angekommen. Und dass „agil“ keine Methoden beschreibt, sondern die Verhaltensweisen kleiner Einheiten, wird sich überall gezeigt haben.

Klar geworden muss auch sein, dass es eben nicht mehr nur um die Kunden geht, sondern um uns als Gesellschaft, ja Welt.

Unsere Zukunft: Es geht nur digital

Drei Tage haben wir remote gearbeitet, im ganz normalen Seminarplan mit 8-Stunden-Rhythmus. Es war das dritte Modul unserer Ausbildungsgruppe 8 von TeamworksPLUS.

Es folgen ab Montag fünf weitere Tage: Agiles Mindset und Coaching haben wir in Tag- und Nachtarbeit ebenso digitalisiert wie Agiler Führen. Unsere Trainerinnen haben sich in einem riesigen Kraftakt immer weiter eingearbeitet, denn wir sind in der glücklichen Lage schon immer relativ viele digitale Aspekte integriert zu haben. Unseren Online-Campus hatten wir schon vor Corona auf den Weg gebracht. Der liefert jetzt eine gute und flexible Basis für die Arbeit in den digitalen Räumen, derzeit vor allem bei Zoom und Mural.

Unsere Erfahrung: Die ersten drei Tage Remote

Am ersten Tag waren Thorsten und ich völlig fertig. Das hatte vor allem drei Gründe:

  1. Die Unsicherheit bei der Bedienung von Zoom und vor allem Mural sowie das Switchen zwischen den verschiedenen Lösungen.
  2. Die Unsicherheit der Teilnehmerinnen, die oft auch nicht genau wussten, wo sie klicken sollten, trotz tollen Video-Intros von Melissa.
  3. Die didaktische Umstellung: Online muss man anders arbeiten.

Die Unsicherheit war schnell verpflogen, am 2. Tag saßen wir entspannt vorm PC und Mac. Am 3. Tag musste Melissa nicht mehr im Nachbarraum sein (wir haben zwei Etagen mit 4 Büroräumen, können also Nähe vermeiden ;-)), sondern konnte von zuhause arbeiten, auch die Teilnehmerinnen hatten sich eingearbeitet. Sogar die sonst üblicherweise von uns moderierte Retrospektive der drei Tage überließen wir einer Teilnehmerin.

Retrospektive mit MuralDas Ergebnis seht ihr im Bild. Der „Stop“-Input bezog sich auf den ersten Tag, in dem wir noch ca. 30 Minuten klassischen Frontalimpuls gegeben hatten, weil nicht alle die Unterlagen gelesen hatten.

Am zweiten haben wir den Theorieimpuls schon ganz anders aufbereitet, durch direkte Einbindung. Und am dritten haben wir die Teilnehmerinnen vermehrt selbst in die Moderationsrolle gebracht. Direkt nach dem Online-Workshop haben Thorsten und ich dieses Video mit Zoom aufgenommen.

Fazit: Es geht, und zwar sehr gut!

Alles, was offline funktioniert geht auch online – nur muss man dazu erst mal Ideen entwickeln und aus seinem bisherigen Verhalten treten. Bei Rollenspielen etwa kann ein Moderator den Übenden per Chat coachen.

Wie setzt man etwas das Leadership-Level-Game um, das ich für Agiler Führen entwickelt habe? Durch die guten Impulse aus der Gruppe haben wir dafür inzwischen Ideen.

Wie geht man mit schwierigen Situationen um? Ein in Mediation oder systemischen Coaching ausgebildeter Coach im Raum ist bei kritischen Themen nötig – und die werden jetzt mal deutlich zunehmen. Da sind Menschen, die vor Ort mit existenziellen Themen zu tun haben und ganz anders gefordert sind. Eine unserer Teilnehmerinnen war aus Paris zugeschaltet. Emotionen haben auch online Raum. Doch wie nimmt man Menschen virtuell in den Arm? Selbst dafür gibt es Lösungen, auch wenn der virtual hug dem wirklichen vermutlich immer nachhängt.

Keine Kostenersparnis

Wie anfangs beschrieben waren fast alle bisherigen Elearning-Anfragen von Konzernen kostengetrieben. Preiswerter werden Seminare und Workshops bei dieser individuellen Lernweise unserer Erfahrung nach nicht. Man braucht mehr Personen, die Vorbereitung kostet mehr Zeit und Personal, wobei das teilweise ein einmaliger Aufwand bleibt.

Der konzeptionelle Anspruch ist größer. Da mehr Kreativität gefordert ist und diese sich mit Wissen über technische Möglichkeiten verzahnen muss, braucht man schließlich auch mehr Expertise und mehr Teamarbeit.

Neu Lernen auf allen Ebenen

Gleichzeitig ist Führung über eine gute Strukturierung und die Förderung von Verantwortungsübernahme noch mal wichtiger geworden.

Der Moderator muss Eigenschutz und Scham selbst überwunden haben – ein Leadershiplevel, das etwa dem Katalysten oder Co-Kreator entspricht (hier mehr). Oder auch dem Multiplier im Modell von Liz Wiseman. Tatsache, dass dies oft eben nicht die Leute sind, die aktuell Führungspositionen inne habe.

Vielleicht, ganz sicher sogar, bringt die Krise dann doch Menschen zum Wachsen und Blühen, von denen man es nie glaubte. Denn eins ist klar: Persönlichkeits- und Teamentwicklung geht in der Krise sehr viel schneller, Führungsqualität zeigt sich sofort. Und es machen sich auch schneller die bemerkbar, die vorangehen wollen und können. Was an der Stelle exakt das Gleiche ist. Aber das muss man auch erst mal verstehen.

Unsere neuen Online-Angebote finden Sie hier. Von unseren bisherigen Ausbildungs- und Seminarangeboten sind TeamworksPLUS, Agiles Mindest und Coaching und Agiler Führen bereits online übersetzt. Alle anderen werden folgen. Inzwischen glauben wir, dass das auch bei einem Übungsformat wie Teamcoaching kompakt sehr gut möglich ist.

Beitragsfoto: By Finkes – Shutterstock

 

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